Teil I

 

Freitag der 13.3.2020 – ein Tag, an dem wir wohl noch öfters denken werden und auch so ein Tag, an dem wir noch in Jahren erzählen können, wo wir gewesen sind, als uns die Nachrichten der Ausgangsbeschränkung ereilten.

 

Bereits ein paar Tage vorher wurde uns klar, dass wir unseren Betreuungsplan vergessen konnten. Will heißen, die Betreuung unserer Tochter durch die Großeltern war plötzlich kein so guter Plan mehr, oder besser gesagt: unmöglich.

 

Wer sind „wir“? Wir sind seit fast 10 Jahren ein Paar, sind Eltern einer 2jährigen Tochter und versuchen unser Zusammenleben und unsere Haltung sehr „egalitär“ – sehr gleichberechtigt und gleichwürdig zu gestalten. Grundsätzlich halten wir beide uns für fortschrittlich, aufgeschlossen, tolerant und feministisch – stoßen im Alltag aber immer wieder auf Grenzen dieser Haltung, von außen, aber auch von innen kommend. Diese Erfahrungen möchte ich gerne teilen, weil ich in vielen Gesprächen gemerkt habe, dass es einigen Familien gleich geht. Gerade in „Corona Zeiten“ wird vieles sichtbar, das in „Nicht-Corona Zeiten“ verdrängt werden kann, unter den Teppich gekehrt werden kann. Somit möchte ich mit meinem ersten Erlebnisbericht auf ein Ereignis im Zusammenhang mit COVID 19 beziehen.

 

Nach 2 Jahren Karenz wäre am 15.3.2020 mein Wiedereintritt ins Arbeitsleben geplant gewesen, die Freude war groß und alles gut vorbereitet. Dachten wir. Es kam anders als geplant, anders als überhaupt denkbar gewesen ist und somit standen wir vor der Frage: „Was machen wir? Wie tun wir mit unserer Tochter, wie machen wir mit unseren Jobs?“. So aus dem Reflex heraus, ohne groß nachzudenken, war für uns beide klar: Ich verschiebe meinen Arbeitsbeginn und mein Mann arbeitet ganz normal weiter (oder eben im Homeoffice, das wussten wir zu dem Zeitpunkt aber noch nicht genau). Moment mal, ganz normal? Frau steckt zurück, Mann arbeitet normal weiter? STOP

 

Was sind die Konsequenzen aus dieser Lösung? Ich wäre arbeitslos, das wirkt sich auch auf meine Pensionsansprüche aus. Wer weiß, ob ich dann „nach Corona“ noch einen Job habe, wenn ich jetzt nicht beginne? Ich hätte kein Einkommen – ja das können wir überbrücken, aber was macht das mit mir? Ich möchte auch meinen Beitrag leisten, sowohl finanziell als auch sozial. Ich liebe meine Tochter, aber ich liebe auch meinen Job und ich möchte auch außer Familie und Haushalt was bewegen.

 

Noch eine Konsequenz: der Gedanke, dass sein Job wichtiger sei als meiner, der Job des Mannes wichtiger als der der Frau, würde sich manifestieren und wenn auch „nur“ in meinem Kopf. Für mich persönlich gesehen, die Konsequenz, die mir mehr (Kopf)schmerzen bereitet.

 

Wir sprachen nochmal über verschiedene Lösungen, haben hin und her überlegt und während wir so überlegten überschlugen sich die Ereignisse und meine Arbeitsstelle wurde auch vorübergehend „geschlossen“, somit derzeit aktuell mal kein aktives Arbeiten für mich möglich. Wir werden dann noch schauen, wie es nach Ostern weiter gehen wird, aber für uns ist jetzt klar, sollte meine Arbeitsstätte wieder geöffnet werden, werden wir es uns so einteilen, dass auch ich arbeiten kann und mein Mann und ich uns abwechseln in der Betreuung.

 

Was ich mit diesem Erfahrungsbericht sagen will (es soll auch der erste einer Reihe sein) ist: überlegt euch wie ihr mit Workload/Mental-Load, Aufteilung der Verantwortung, der Kinderbetreuung, des Haushaltes etc. umgeht, wer kann sich wie verwirklichen und wer steckt zurück. Passt es mir vielleicht genau so wie es ist oder laufen die Dinge bei uns, weil „es eben so ist“, weil ich „eine Frau bin/weil ich ein Mann bin“. Reflektiert, sammelt, und redet miteinander – es zahlt sich bestimmt aus, für alle Beteiligten.

 

In diesem Sinne: bleibt gesund, bleibt aufmerksam, redet miteinander und nutzt diese Krise, um vielleicht die eine oder andere eingeschliffene Sache bzw. ein eingeschliffenes Denkmuster zu überdenken und euch neu zu formieren.

 

Alles Liebe!

 

 

 

 

 

 

 

 

Sylvia Altenbacher

Sozialpädagogin

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